Interview mit Alessandra Huddlestone: 30 Jahre Personaldienstleisterin im Gesundheitswesen / Menschlichkeit geht vor
Drei Jahrzehnte im Personalwesen, das bedeutet nicht nur Erfahrung, sondern auch Durchhaltevermögen, Anpassungsfähigkeit und vor allem Leidenschaft für Menschen.
Alessandra Huddlestone blickt auf eine eindrucksvolle Karriere zurück, die sie aus der Hotellerie über die Musik- und Schmuckbranche in die Welt der Pflege und Personaldienstleistung geführt hat.
Im Gespräch erzählt sie, wie alles begann, was sich verändert hat und warum Werte heute wichtiger sind, denn je.
„Ich kam als Quereinsteigerin und blieb, weil mich die Menschen faszinierten.»
Frage: Frau Huddlestone, Sie feiern 30 Jahre im Personalwesen. Wie hat diese Reise begonnen?
Antwort: Ich bin tatsächlich Quereinsteigerin. Nach einigen spannenden Jahren in der Hotellerie und kurzen Stationen in der Musik- und Schmuckbranche bekam ich damals die Gelegenheit, beim Aufbau einer Filiale eines führenden französischen Personaldienstleisters mitzuwirken. Das war eine grosse Chance und eine Herausforderung. Ich hatte keinerlei Bezug zur Pflege, aber grossen Respekt vor der Branche und dem, was die Menschen dort leisten. Von Anfang an war mir klar: Hier geht es um Verantwortung, um Vertrauen und um Menschen.
Und dann, kaum neun Monate später, kam die erste unerwartete Wendung: Der französische Arbeitgeber fusionierte mit einem grossen Schweizer Personaldienstleister. Plötzlich wurden Teams neu zusammengestellt, bunt gemischt, quer durch alle Temperamente und Arbeitsstile. Da traf französisches „Savoir-vivre» auf schweizerische Gründlichkeit, und ehrlich gesagt: Das hätte kein Rekrutierungsprozess so zusammengestellt! (lacht)
Aber genau darin lag die Magie. Menschen, die sich wahrscheinlich nie füreinander entschieden hätten, haben plötzlich Seite an Seite gearbeitet. Mit Herz, Engagement und einem Teamgeist, den man heute nur noch selten findet. Und aus dieser turbulenten Anfangszeit sind Freundschaften fürs Leben entstanden.
„Wir tippten Verträge mit Kohlepapier und suchten Adressen in Rollkarteien.»
Frage: Wie sah die Arbeit damals aus im Vergleich zu heute?
Antwort: Das war eine ganz andere Zeit! Wir arbeiteten mit Karteikarten und Rollkarteien, jede Pflegekraft hatte ihr eigenes Papierdossier, jeder Kunde hatte seine eigene Karte. Verträge wurden auf der Schreibmaschine mit Kohlepapier erstellt, und der tägliche Austausch lief über Telefon und Fax. Keine Datenbanken, keine Automatisierung. Alles war Handarbeit im besten Sinne. Persönlicher Kontakt, Handschlagqualität und echtes Interesse waren die Basis unserer Arbeit.
Heute ist vieles digitalisiert, effizienter und transparenter. Aber die persönliche Beziehung ist noch immer der Kern, der sich nie verändern darf.
„Seit Corona hat sich die Branche grundlegend verändert.»
Frage: Was hat sich in den letzten Jahren besonders stark verändert vor allem seit der Corona-Pandemie?
Antwort: Die Pandemie war ein Einschnitt, wie ihn die Branche noch nie erlebt hat. Plötzlich stand das Gesundheitswesen im Zentrum der Aufmerksamkeit und gleichzeitig unter enormem Druck. Der Bedarf an Fachkräften explodierte, während viele Menschen physisch und emotional am Limit waren.
In dieser Zeit sind auch viele neue Mitbewerber auf den Markt gekommen, oft mit dem Ziel, schnell Geld zu verdienen, ohne das langfristige Wohl der Pflege oder der Menschen im Blick zu haben. Das war für uns eine grosse Herausforderung. Wir mussten unsere Werte, wie Fairness, Respekt und Professionalität konsequent verteidigen und leben, auch wenn es manchmal wirtschaftlich schwer war.
Mir war immer wichtig, dass wir nie vergessen, worum es wirklich geht: Menschen im Alter, Kranke, Pflegebedürftige, sie und ihre Familien bezahlen viel Geld, damit gute Pflege möglich ist. Diese Verantwortung darf man nie aus den Augen verlieren.
„Gemeinsam durch Gewitterzellen und immer mit Herz.»
Frage: Sie sind seit vielen Jahren Teil der Swiss-Care-Company GmbH, welche Rolle spielt das Unternehmen in Ihrem Berufsleben?
Antwort: Eine sehr grosse. Seit mittlerweile über zwölf Jahren bin ich für die Swiss-Care-Company tätig und darf heute als Geschäftsführerin gemeinsam mit einem unglaublich engagierten, dienstleistungsorientierten Team wirken. Wir haben zusammen nicht nur ruhige Gewässer erlebt, sondern auch einige kräftige Gewitterzellen durchsegelt. (lächelt)
Aber gerade in solchen Zeiten zeigt sich, wer wirklich an Bord bleibt, wenn der Wind von vorne kommt. Unser Team hält zusammen, mit Herz, Loyalität und einem Werteverständnis, das ich sehr schätze. Diese Menschen sind der Grund, warum ich auch nach all den Jahren jeden Tag mit Freude zur Arbeit gehe.
„Personalvermittlung ist Beziehungsarbeit, keine Nummernverwaltung.»
Frage: Was motiviert Sie, auch nach 30 Jahren mit so viel Herzblut dabei zu sein?
Antwort: Für mich war Personalvermittlung nie einfach nur ein Job. Es ist Beziehungsarbeit. Wir begleiten Menschen, die in schwierigen Situationen sind, sei es, weil sie einen neuen Arbeitsplatz suchen oder weil ein Pflegebetrieb dringend Unterstützung braucht. Wenn wir diese beiden Seiten zusammenbringen und beide davon profitieren, dann ist dies ein unglaublich erfüllender Moment.
Ich liebe diese Mischung aus Empathie, Struktur und Verantwortung. Es geht nicht um Masse, sondern um Qualität und darum, Menschen wertzuschätzen, auf allen Ebenen.
„Technik hilft, aber Menschlichkeit bleibt unersetzlich.»
Frage: Wie sehen Sie die Zukunft Ihrer Branche?
Antwort: Digitalisierung und Automatisierung werden weiter voranschreiten, und das ist auch gut so, denn sie erleichtern viele Prozesse. Aber neue Technologien dürfen nie die Menschlichkeit ersetzen. Der persönliche Kontakt, das offene Ohr, das ehrliche Wort, das alles sind Dinge, die keine Software leisten kann.
Ich wünsche mir, dass wir als Branche den Mut behalten, Haltung zu zeigen. Gute Pflege und gute Personaldienstleistung bedeuten Verantwortung. Wenn wir das nicht vergessen, können wir auch in Zukunft mit Stolz sagen: Wir arbeiten für Menschen, nicht an ihnen vorbei.
„Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem ich etwas bewegen darf.»
Frage: Wenn Sie auf 30 Jahre zurückblicken, was überwiegt?
Antwort: Dankbarkeit. Für die vielen Begegnungen, die Erfahrungen, das Vertrauen. Ich durfte erleben, wie sich das Berufsbild verändert hat, von Schreibmaschine und Kohlepapier bis hin zu KI-gestützten Tools. Aber eines ist gleichgeblieben: Mein Respekt für die Menschen, die tagtäglich in der Pflege Grossartiges leisten.
Ich bin stolz, Teil dieser Welt zu sein und auch nach 30 Jahren noch mit Begeisterung jeden Tag dazuzulernen.
„Lasst uns die Zukunft gemeinsam gestalten, nicht gegeneinander.»
Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Branche?
Antwort: Ich wünsche mir, dass die Arbeit von Personalvermittlern im Gesundheitswesen mehr gesehen wird. Oft hören wir nur den Begriff „Vermittler» dabei stecken so viel Herzblut, Verantwortung und unzählige Stunden Arbeit dahinter. Wir leisten einen grossen Beitrag, Lücken zu schliessen, damit Pflege überhaupt möglich bleibt.
Seit Beginn an, ging es uns darum, Menschen zusammenzubringen, die etwas bewegen wollen und an eine Zukunft der gegenseitigen Wertschätzung glauben. Und wenn wir es schaffen, die Aufmerksamkeit auf unsere Arbeit zu lenken und ihre Bedeutung sichtbar zu machen, dann können wir endlich zeigen, was wirklich hinter guter Personaldienstleistung steckt: Vertrauen, Verantwortung und Menschlichkeit.
Interview geführt durch rt, Nov. 2025


